Achilles Verse - Beim ersten Mal tut's immer weh
Eine Kolumne von Achim Achilles
Patsch. Mona kniet über mir. Sie hat mir eine gescheuert. "Achim, es reicht", knurrt sie, "es ist halb vier und du strampelst schon die dritte Nacht wie ein Vollidiot." Die Frau ahnt nicht, wie es in einem Debütanten wütet. Seit Wochen erzählt sie überall herum, dass ihr Achim in bald Marathon läuft, und zwar in dieser stolzen Ehefrauen-Tonlage, als sei ich der schwarze Schöneberger.
Ich bin einer der lahmsten von genau 22.034 gemeldeten Startern, aber alle im Haus denken, ich sei gut. Ich habe die Wohnungstür noch nicht geöffnet, da fällt mich Frau Moll an oder Supi-Roland: Welche Zeit? Gut trainiert? Sehen wir dich im Fernsehen? Wie heißen die anderen Favoriten? Preisgeld? Weiß ich doch nicht. Hauptsache ankommen, sage ich sehr ernst. Aber alle glauben, das sei kokett. Wer den ersten Marathon läuft, sollte keinem davon erzählen, vor allem nicht seiner Frau. Ich werde allein fahren. Napoleon hätte sich in Waterloo auch weniger Zeugen gewünscht.
Halt gibt mir nur meine Checkliste. Ich habe die gesamte Fachliteratur durchforstet. Leider ist nur auf eines Verlass: die Widersprüche. Seit Tagen spiele ich alles immer wieder durch.
Training: Peter "Hardcore" Greif sagt, man könne drei Tage vorher ruhig noch mal ordentlich Gas geben, Herbert "Vanilletee" Steffny schwört auf Schonung. Und ich? Zockel durch den Volkspark. Alles tut weh. Ich werde absagen. Bei eBay kann man Startplätze versteigern.
Visualisierung: Der zu Recht völlig unbekannte Buchautor Ole Petersen rät, man solle statt Training die Strecke in Gedanken laufen. Totaler Flop. Erstens habe ich nicht so viel Zeit und zweitens sehe ich bei geschlossenen Augen nur Techniker, die nachts die Zeitnahme abmontieren. Von weitem schwanke ich heran.
Kohlenhydrate: Alle reden von Carbo-Loading. Morgen werde ich mich bewusstlos hungern, das soll die Speicher weiten. Dann vier Tage den neapolitanischen Rekord im Pastaschlingen einstellen. Und am letzten Abend laut Greif eine Pizza mit Schinken und Paprika, weil da Wunderstoffe drin sind - Chrom und solche Sachen. Kann man notfalls auch unterwegs von einer Stoßstange schlabbern.
Rennverpflegung: Ich trau den Carbo-Weisheiten ja nicht. Deswegen werde ich auf den ersten zehn Kilometern eine Trinkflasche mit honiggesüßtem Apfelsaft mitführen, um die Speicher vollzuhalten. Dann alle fünf Kilometer einen Beutel Powergel, Geschmacksrichtung Apfel-Guarana. Die Beutel tragen aber unvorteilhaft auf und pieken in mein zartes Hüftfleisch.
Schuhe: Achtung, Glaubenskrieg! Weiche Sohlen schonen die Beine, aber man denkt, man tritt in Quark. Knallharte Bereifung sorgt für den Punch, aber manchmal auch für frühen Knockout. Ich werde mich erst im letzten Moment für die Reifenmischung entscheiden, je nach Temperatur und Regen/Sonne.
Marschtabelle: Ausnahmsweise Einigkeit bei den Gurus. Nicht zu schnell starten. Will ich unter vier Stunden bleiben - jeder will das -, muss ich 239:59,99 (Minuten) durch 42,195 (Kilometer) teilen, was 5:41 Minuten pro Kilometer bedeutet.
Die Form: Nie war ich kaputter. Beine aus Blei. Die Lunge hat das Volumen eines japanischen Kondoms. Brustwarzenziepen. Will schlafen, mich aber vorher betrinken. Dann merke ich auch nicht, wenn Mona mich schlägt. Morgen suche ich mir einen Schachklub. Achilles, du Schwachmat, nenne mir nur einen Grund pro Marathon. Es gibt keinen.
von Achim Achilles
© SPIEGEL ONLINE
Wer ist Achim Achilles?
Achim Achilles ist Deutschlands bekanntester Hobby-Läufer, nie erfolgreich, aber immer gut gelaunt. Seine Bücher "Achilles' Verse" und "Achilles' Laufberater" sind Bestseller. Im Mai erscheint sein neues Werk "Der Lauf-Gourmet" mit leckeren Rezepten und Abnehmtipps, die sogar funktionieren. Auf www.achim-achilles.de tauschen sich Hobbysportler aller Klassen aus. Dort gibt es außerdem Gewinnspiele, wertvolle Expertentipps, 40 kostenlose Trainingspläne für Einsteiger, Fortgeschrittene und Laufprofis und vor allem: jede Menge Spaß. Immer nach dem Achilles-Motto: „Laufen, leiden, lachen, leben“.
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