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Achilles' Verse - Die Angst läuft immer mit

19. April 2010

Eine Kolumne von Achim Achilles

Schon nach wenigen Minuten zieht es in meiner rechten Schulter teuflisch, so ein stechendes, glühendes Pochen, als bohre sich ein angefeilter Walkstock unters Schlüsselbein. Zöge es links, könnte es ein Zeichen für einen Infarkt sein. Rechts, das reicht immerhin noch für ein Lungenödem.

Wie viele Läufer mögen allein deswegen laufen, weil sie glauben, dass sie so Tumoren oder anderen Gebrechen entwischen? Angst ist es, die den Läufer treibt. Angst vor Dicksein, Angst, sich mit der Gattin daheim unterhalten zu müssen, Angst, langsamer zu sein als vergangenes Jahr.

"Der leiseste Schmerz kann Indiz für eine ernsthafte Erkrankung sein", liest Mona vor. Sie sitzt im Ohrensessel und studiert die "Bild am Sonntag", das Fachblatt für Alltagspanik und Modekrankheiten. Streng genommen dürfte ich dann gar nicht mehr aufstehen. Überall dräut der Infarkt. Die Schienbeine fühlen sich an, als sei in Senf getauchter Stacheldraht drum herum gewickelt. Aus den Waden strahlt es besonders gemein, und die Sehne, die sich vom Schritt bis zum Knie zieht, ist aufs Schmerzlichste gespannt. An guten Tagen kann man sie fiepen hören.

Vielleicht kündigen sich Infarkte auch durch Geräusche an. Wenn ich mich an das Stechen in der Schulter gewöhnt habe, fangen die Füße zu knacken an. Es können auch die Knöchel sein. Oder die Knie. Oder alle drei. Nach etwa 90 Minuten kommt ein unerklärliches Lungenrasseln dazu.

Glaubt man Sportmedizinern, müssten nach spätestens einer Stunde Hektoliter von Endorphinen ins Blut schießen, geile Opiate, eine Art körpereigener Wasserpfeife, die Krampf durch Freude ersetzt. Habe ich leider auch nicht. Eigentlich passiert bei mir nichts von dem, was in Büchern steht, außer Hunger und Müdigkeit. Wahrscheinlich alles Infarktsignale.

"Hier steht, dass du einen Ermüdungsbruch kriegst", kräht Frau Doktor Mona, "den kriegen alle, die zu viel trainieren." Ich trainiere nicht zu viel, denke ich. "Männer über 40 sollten einmal im Jahr zur sportmedizinischen Untersuchung gehen", sagt meine Frau. Unsinn, ich fühle mich kerngesund. Außerdem bin ich praktisch noch fast gar nicht richtig über 40. "Empfehlenswert ist Leistungsdiagnostik", liest Mona, "mit Laktatmessung."

Während ich den Sonntagskrimi gucke, googelt Mona nach Laktat-Orten. "Du musst in die Charité", sagt sie schließlich, "das sind die Besten. Der Doktor dort ist Marathon in 2 Stunden 19 Minuten gelaufen." Will ich so einen Doktor? Muss man überhaupt alles wissen? Und was ist, wenn er wirklich was findet? Chronische Trainingsfaulheit zum Beispiel? Oder Laktat voller Hefeweizen? Oder ein Lungenvolumen, das nicht reicht, die Pelle eines Wiener Würstchens aufzupusten? "Dann weißt du endlich, wie gut du wirklich bist!", sagt Mona. Genau das ist das Problem.

Von Achim Achilles

© Spiegel Online

 

Wer ist Achim Achilles?

Achim Achilles ist Deutschlands bekanntester Hobby-Läufer, nie erfolgreich, aber immer gut gelaunt. Seine Bücher "Achilles' Verse" und "Achilles' Laufberater" sind Bestseller. Im Mai erscheint sein neues Werk "Der Lauf-Gourmet" mit leckeren Rezepten und Abnehmtipps, die sogar funktionieren. Auf www.achim-achilles.de tauschen sich Hobbysportler aller Klassen aus. Dort gibt es außerdem Gewinnspiele, wertvolle Expertentipps, 40 kostenlose Trainingspläne für Einsteiger, Fortgeschrittene und Laufprofis und vor allem: jede Menge Spaß. Immer nach dem Achilles-Motto: „Laufen, leiden, lachen, leben“.

 

Weblinks:

www.achim-achilles.de

www.laufstoff.de