Neuigkeiten

Achilles' Verse - Irrer im Regen

26. April 2010

Eine Kolumne von Achim Achilles

Es ist kalt. Der Wind peitscht ins Gesicht. Der zweite Schritt landet in einer tiefen Pfütze. Gut, dass Mona den Kreditkartenbeleg für die neuen Laufschuhe nicht gesehen hat, als sie mir gestern mal wieder Bargeld aus der Brieftasche mopste. 140 Euro für diese Treter aus Fortschrittsfaser, die nicht mal wasserdicht sind.

Gudrun späht aus ihrem Kiosk. Wahrscheinlich ruft sie gleich die Polizei. "Kommen Sie schnell! Und bringen Sie das Betäubungsgewehr mit! Da läuft so 'n Irrer durch den Regen!" Gudrun raucht und steht sieben Morgen die Woche um halb sechs in ihrem Zeitungsladen. Wer seine Zeit mit Laufen vertrödelt, "der hat se doch nicht alle", sagt sie.

Die nassen Kunstfasern kleben luftdicht am Körper. Von wegen Membran, die die Feuchtigkeit ausschließlich von innen nach außen transportiert. Das Gegenteil ist der Fall. Mir ist kalt. Ich bin müde. Mir ist schlecht. Ich kann nicht mehr.

Ein Blick auf die Uhr: 4 Minuten 28 Sekunden, und noch nicht mal am Eingang des Volksparks. Wenn ich jetzt umdrehe, wäre ich nach neun Minuten wieder zuhause. Ich wäre überzeugend nass und dreckig, aber Mona würde nachrechnen und sich schlapplachen. Laufen, Achim, immer weiterlaufen.

Läufer sind erstklassige Kopfrechner. Denn sie rechnen pausenlos, wie lange sie noch laufen müssen, um bei ihren Mitmenschen Eindruck zu schinden. Ich zum Beispiel muss noch mindestens 12 Minuten laufen, bevor ich umdrehe. Die Rechnung ist ganz einfach: 4 gelaufene plus 12 zu laufende macht 16 mal 2 gleich 32 Minuten, also fast eine Dreiviertelstunde.

Ich gucke auf die Uhr. 7 Minuten und 13 Sekunden, macht zusammen 14, 26. Differenz bis zur Zielzeit knapp 20, also noch 10 Minuten. Der Volkspark Wilmersdorf ist unheimlich. Hier wurde vor Jahren mal ein Jogger erstochen. Der Täter wurde nie ermittelt. Wahrscheinlich seine Ehefrau. Ihr Mann hatte ihr erzählt, er laufe eine Dreiviertelstunde. Eines Tages hat sie ihn verfolgt und mitgestoppt. Sie kam auf nur 32 Minuten. Jahrelang hatte er sie betrogen. Mona hat zum Glück Angst vor Schusswaffen.

Die Uhr zeigt 29 Minuten und 11 Sekunden, als ich wieder in unsere Straße einbiege. Vor unserem Haus steht Roland, unser Nachbar. "Wo warste?", fragt Roland. "Ooch, kleine Runde durch den Volkspark, nur 'ne knappe Dreiviertelstunde", sage ich lässig. Erfolglos versucht Roland, seine Bewunderung zu zügeln. Ihm fällt nichts Gehässiges ein.

"Komm doch mit morgen früh", sage ich. "Neee", erwidert er, "ich hab' da seit Wochen so ein Drücken im Knie, Meniskus oder so." Ich gucke mitfühlend: "Das kann man weglaufen, so ganz auf locker." – "Nee, lass mal, 'ne Dreiviertelstunde ist mir eh zu viel", sagt Roland beim Einsteigen. Wenn du mal nur 'ne halbe Stunde machst, sagst du mir Bescheid." Ich sage: "Ja, klar – aber das ist mir eigentlich zu wenig.“

© Spiegel Online

 

Wer ist Achim Achilles?

Achim Achilles ist Deutschlands bekanntester Hobby-Läufer, nie erfolgreich, aber immer gut gelaunt. Seine Bücher "Achilles' Verse" und "Achilles' Laufberater" sind Bestseller. Im Mai erscheint sein neues Werk "Der Lauf-Gourmet" mit leckeren Rezepten und Abnehmtipps, die sogar funktionieren. Auf www.achim-achilles.de tauschen sich Hobbysportler aller Klassen aus. Dort gibt es außerdem Gewinnspiele, wertvolle Expertentipps, 40 kostenlose Trainingspläne für Einsteiger, Fortgeschrittene und Laufprofis und vor allem: jede Menge Spaß. Immer nach dem Achilles-Motto: „Laufen, leiden, lachen, leben“.

 

Weblinks:

www.achim-achilles.de

www.laufstoff.de