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Achilles' Verse - Wie ich den Marathon überlebte

03. Mai 2010

Eine Kolumne von Achim Achilles

Marathon macht stur und blöd und krank, an Bein und Birne. Monatelang hatte ich nur diesem Sonntagmorgen entgegengelebt. Der Apotheker meines Vertrauens hatte mir sogar noch eine Wunderwaffe gegen überfüllte Eingeweide am Morgen zugesteckt: "Mikroklist" heißt die Plastiktube mit dem extralangen Rüssel. Luft anhalten, bücken und an die FDP denken. Kein Busch war klein genug, als dass ich mich auf dem Weg zum Start nicht hineingeschlagen hätte. Es half nichts. Das Adrenalin krempelte meinen Magen um, und "Mikroklist" pfiff es in die Welt.

Ich fühlte mich wie eine Backpflaume, als ich über die Absperrung in den Startblock HLV C kletterte. Um mich herum roch es nach Hering. Ich war in den Betriebsausflug eines dänischen Altersheims geraten. "Hej", sagten alle mit provozierendem Grinsen und hüpften wie die tanzenden Bohnen in der Muppet-Show. "Wir wollen 4:15 Stunden laufen", verkündete ein drahtiger Mittsiebziger. "Wenn du's noch erlebst, Opa", dachte ich und nickte völkerverständigend. Der Startschuss war schon vor Ewigkeiten ertönt, aber die Scheintoten aus Block HLV C durften erst 15 Minuten später auf die Strecke.

Endlich kamen die Heringe auf Trab. Wildes Piepen der Zeitnahmematte. Kein Zurück mehr. Eine Weile blieb ich bei Dänen. Sechs Minuten den Kilometer, das erschien meiner Form angemessen. Am Anfang zu schnell, vorm Ende tot, lautete die Regel. Aber der Däne erwies sich bald als ultrapatriotische Nervensäge. Wo immer sie etwas Rotweißes entdeckten, blieben sie stehen, rissen die Arme in die Höhe und brüllten etwas, das klang wie "Pölser-Olé": vor Stoppschildern, Vodafone-Reklamen, Rotkreuzwagen und Pommesschalen.

Mit dem stillen Selbstbewusstsein, das den Vertreter der papststellenden Nation ziert, zog ich bei Kilometer 16 davon, vor begeistertem Publikum. Auf der langen Geraden zum Flughafen hatte ich den 4-Stunden-Tempoläufer entdeckt, einen knappen halben Kilometer vor mir. Da musste ich ran.

 Bis Kilometer 32 lief alles ordentlich, auch wenn ich zu langsam war. Die Dänen hatten mich eingelullt. Plötzlich merkte ich, wie ich immer häufiger auf die Uhr blickte, einfach so, als ob da Rettung sei zwischen den digitalen Zahlen. Aber die Ziffern sagten mir nichts. Im Kopf war kein Blut mehr. Alles leer, dumpf, Kartoffel.

Dann plötzlich der Filmriss. Ich kann mich an nichts erinnern außer an ein "Aua" bei jedem Schritt. Beine wie T-Träger, laufende Dampframme. Butter im Knie. Meine auf sexy geschnittene Hochleistungshose hatte mir eine Fleischwunde in beide Oberschenkel geraspelt. Was mal eine Zunge war, fühlte sich plötzlich so pelzig an wie Daisy. Jeder Fuß zur Calzone aufgequollen. Hoffentlich lief kein Blut aus dem Schuh. Dänen würden kommen und La Olá machen. Ich würde Vaterunser beten, wenn mir der Text einfiele.

Irgendwann muss ich ins Ziel getaumelt sein, nach ungefähr 4:20 Stunden, immerhin unter den ersten 10 000. Ein Sanitäter kam auf mich zugestürzt und fragte, ob alles okay sei. Nein, zum Teufel, überhaupt nichts ist okay. Ich bin so gut wie tot. Mona stand hinterm Zielzaun und sah mich besorgt an: Dieses Wrack war einmal ihr knuddelweicher Mann gewesen. Irgendwer hängte mir eine Medaille um. Ich war zu schwach, ihn mit dem Bändsel zu erwürgen. Das war mein erster und mein letzter Marathon, garantiert.

Auch wenn meine Mona als Krankenschwester eine Wucht ist, werde ich morgen versuchen, wieder am normalen Leben teilzunehmen. Ich werde eine Aufständischen-Gruppe gründen, die Marathon-Ade-Fraktion (MAF). Die notfalls mit Waffengewalt durchzusetzenden Forderungen: Nieder mit der Marathon-Diktatur, keine Läufe mehr über 20 Kilometer, Isolationshaft für alle zellulitischen Weiber, die mich je überholt haben. Von der Kuppel des Reichstages werde ich getragene Laufsocken in den Plenarsaal werfen. Und dann? Werde ich Genussläufer. Wellness-Jogger. Zum ersten Mal will ich bei diesem Irrsinn auf Schaumsohlen so etwas verspüren wie – Spaß.

von Achim Achilles

© SPIEGEL ONLINE

 

Wer ist Achim Achilles?

Achim Achilles ist Deutschlands bekanntester Hobby-Läufer, nie erfolgreich, aber immer gut gelaunt. Seine Bücher "Achilles' Verse" und "Achilles' Laufberater" sind Bestseller. Im Mai erscheint sein neues Werk "Der Lauf-Gourmet" mit leckeren Rezepten und Abnehmtipps, die sogar funktionieren. Auf www.achim-achilles.de tauschen sich Hobbysportler aller Klassen aus. Dort gibt es außerdem Gewinnspiele, wertvolle Expertentipps, 40 kostenlose Trainingspläne für Einsteiger, Fortgeschrittene und Laufprofis und vor allem: jede Menge Spaß. Immer nach dem Achilles-Motto: „Laufen, leiden, lachen, leben“.

 

Weblinks:

www.achim-achilles.de

www.laufstoff.de